Gorbatschow und die deutsche Russland-Verklärung

Die Erinnerung an Michail Gorbatschow anlässlich seines Todes hat dem in der deutschen Politik und Öffentlichkeit weit verbreiteten, zuletzt aber heftig erschütterten Glauben an ein „anderes“, „besseres“ Russland einen neuen Schub verliehen. Der zur Inkarnation friedfertiger Menschlichkeit glorifizierte „Gorbi“ steht für die unverwüstliche deutsche Projektion, hinter Putins Gewaltregime verberge sich ein „wahres“, gutherziges Russland, mit dem man baldmöglichst wieder zu „normalen“, konstruktiven Beziehungen zurückkehren müsse und könne.

Dass Bundeskanzler Scholz ein ums andere Mal betont, der Vernichtungsfeldzug gegen die Ukraine sei „Putins Krieg“, für den Russland im Ganzen nicht verantwortlich gemacht werden dürfe, stellt einen Wiederhall dieses illusionären Konstrukts dar. Dies alles passt in die aktuelle Stimmungslage, da die Unterstützung für die Ukraine im Bröckeln begriffen ist und die Forderungen aus verschiedenen politischen Lagern massiver werden, der Krieg solle schleunigst „eingefroren“ und dem Aggressor ein „gesichtswahrender“ Ausweg daraus gewährt werden – werde man doch nach dem Krieg wieder möglichst gut mit ihm auskommen müssen.

Lenin reloaded

Aber war Gorbatschow tatsächlich jene makellose Lichtgestalt, zu der er hierzulande hymnisch verklärt wird? Kaum präsent sind im deutschen öffentlichen Bewusstsein alle Tatsachen, die dieses strahlende Bild verdunkeln könnten – etwa, dass Gorbatschows die „Erneuerung“ des Kommunismus durch die Rückkehr zur ursprünglichen Lehre Lenins angestrebt hatte und sich von diesem Ziel nie ganz verabschiedet hat. Oder dass er, wie im Baltikum im Januar 1991, auch vor dem Einsatz tödlicher Gewalt gegen friedliche Demonstranten nicht zurückschreckte, wenn es um die Sicherung des Fortbestands der Sowjetunion ging.

Ebenso wenig wird der hiesige „Gorbi“-Kult durch die großrussisch-nationalistischen Ansichten des einstigen Sowjetführers getrübt, wie sie nicht zuletzt in seiner ausdrücklichen Zustimmung zur Annexion der Krim zum Ausdruck gekommen sind. Bei einem Besuch in Deutschland im November 2014 erklärte Gorbatschow, er würde in dieser Frage nicht anders gehandelt haben als Putin, wäre er an dessen Stelle russischer Präsident gewesen. Das zeigt, dass die hierzulande gebetsmühlenartig wiederholte Behauptung, Putin repräsentiere das genaue Gegenteil dessen, wofür Gorbatschow stand, eine grobe Simplifizierung der tatsächlichen Verhältnisse darstellt.

Hinter Gorbatschows wohlklingender Vision von einem „gemeinsamen europäischen Haus“ stand zudem nichts anderes als der alte sowjetische Traum von der Abkoppelung Europas vom transatlantischen Bündnis und einer Neuordnung des Kontinents nach der Maßgabe, dass dort nichts geschehen dürfe, was den vermeintlichen „Sicherheitsinteressen“ – sprich: dem Vorherrschaftsanspruch – Moskaus zuwiderlaufe. Dass Gorbatschow Deutschland als bevorzugten Achsenpartner für die Herausbildung eines solchen Europa betrachtete, schmeichelte indes dem deutschen Geltungsbedürfnis und stimulierte die neutralistischen Regungen, die ungeachtet aller Bekenntnisse zur Westintegration in den deutschen Eliten unterschwellig erhalten geblieben sind.

Zwangsfixiert auf Moskau

Die Verklärung Gorbatschows stellte ein konstitutives Element der jahrzehntelangen deutschen Anbiederungs- und Beschwichtigungspolitik gegenüber Moskau dar. Zugespitzt läuft das deutsche Narrativ über die Befreiungsjahre 1989/1990 auf die Kernüberzeugung hinaus, „Gorbi“ habe Europa die Freiheit und uns Deutschen die Einheit geschenkt. Diese Großzügigkeit vonseiten eines sowjetischen Führers wurde als das Resultat beharrlicher Vertrauensbildung durch unverdrossenen „Dialog“ gewertet. Dementsprechend wollte man nicht von der Hoffnung lassen, auch Putin könnte auf diesem Weg schließlich doch noch zu besserer Einsicht gebracht werden.

Diese Vorstellung ist eng mit der Legende verbunden, Gorbatschow sei dem Wunsch der Deutschen nach staatlicher Einheit aus humanistischer Einsicht und Herzensgüte entgegengekommen und nicht etwa, weil ihn objektive Umstände wie der drohende Kollaps der sowjetischen Wirtschaft dazu zwangen. Immerhin brauchte er dringend deutsche Finanzhilfen, um den finalen Bankrott abzuwenden. Auch, dass ohne die Rückendeckung der USA und den entsprechenden Druck aus Washington die zügige deutsche Vereinigung nicht denkbar gewesen wäre, spielt in der kollektiven deutschen Erinnerung kaum eine Rolle.

Was von dem hiesigen „Gorbi“-Kult bis zum russischen Überfall auf die ganze Ukraine nachgewirkt hat – und offenbar darüber hinaus nachwirkt – , ist die zwanghafte Fixierung des deutschen außenpolitischen Denkens auf die Befindlichkeiten Moskaus. Die reflexhafte Frage, die in der deutschen Öffentlichkeit in der Regel zuerst gestellt wurde, wenn es um Entwicklungen im Osten des Kontinents und die eigene politische Haltung dazu ging, lautete: „Wie wird Russland darauf reagieren?“ Diese Haltung verfestigte sich in die Überzeugung, eine stabile Friedensordnung in Europa hänge in erster Linie vom guten Willen Russlands ab, das es dementsprechend gnädig und kooperationsbereit zu stimmen gelte. Daraus leitete sich dann der deutsche Glaubenssatz ab, es gebe „ohne Russland keine Sicherheit in Europa“, mit dem die chronische Nachgiebigkeit gegenüber dem immer aggressiveren und gewalttätigeren putinistischen Machtapparat begründet wurde.

Warum es einen Gorbatschow gab

Weitgehend ausgeblendet wurden dementsprechend die wirklichen Hintergründe und tatsächlich bestimmenden Faktoren der Ära Gorbatschows. Zu seiner „Reformpolitik“ kam es in Wahrheit überhaupt erst, nachdem die Sowjetunion verheerende Rückschläge erlitten hatte und am Rande des Zusammenbruchs stand. Der Kreml war mit dem Versuch gescheitert, die Europäer (und in erster Linie Deutschland) vom NATO-Nachrüstungsbeschluss abzubringen und damit von den USA zu trennen. Und die Sowjets hatten sich in Afghanistan in einen aussichtslosen, verlustreichen Koloniakrieg verstrickt. Dass sie ihn nicht gewinnen konnte, lag maßgeblich daran, dass die USA die afghanischen Mudschahedin mit hochmodernen Waffen belieferten.

Washington demonstrierte der Sowjetunion damit zugleich ihre wachsende technologische Unterlegenheit. Auf militärischem wie auf zivilem Gebiet konnte das Sowjetsystem mit den rasanten technologischen Entwicklungen der 1980er Jahren nicht mehr Schritt halten. Ihre gigantischen Rüstungsausgaben verloren für die Sowjetunion damit ihren Sinn und trieben sie in wachsendem Tempo in den Ruin. Aus dieser schmerzlichen Einsicht erwuchsen Gorbatschows innere Reformbestrebungen ebenso wie seine Abrüstungsinitiativen im Zuge seiner außenpolitischen Annäherung an den Westen.

Wer sich also tatsächlich einen neuen Gorbatschow an der Spitze des Kreml erhofft, darf sich nicht der Erwartung hingeben, dass irgendwann ein „guter Russe“ unverhofft aus der Versenkung auf die Bühne der Macht tritt und die hasserfüllte faschistisch-imperialistische russische Staatsideologie mit einer Handbewegung beiseite wischt. Um eine grundlegende Veränderung der russischen Politik zu erzwingen, muss man vielmehr jetzt alles daran setzen, Russland in der Ukraine eine verheerende militärische Niederlage zu bereiten – und den ökonomischen Zerfall von Putins Reich durch eine konsequente Sanktions- und Isolierungspolitik massiv vorantreiben. Denn ohne dass dem Kreml-Regime zuvor schwere Schläge versetzt worden wären, die es in eine existenzielle Krise stürzten, hätte es auch damals keinen Gorbatschow geben können.

Über den Autor

Richard Herzinger

Dr. Richard Herzinger, geboren 1955 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Publizist in Berlin. Als Autor, Redakteur und politischer Korrespondent war er für "Die Zeit", den Berliner "Tagesspiegel", die Züricher "Weltwoche" und zuletzt fast 15 Jahre lang für "Die Welt" und "Welt am Sonntag" tätig. Bereits vor 25 Jahren warnte er in seinem gemeinsam mit Hannes Stein verfassten Buch "Endzeitpropheten oder die Offensive der Antiwestler" vor dem Wiederaufstieg autoritärer und totalitärer Mächte und Ideologien. Er schreibt für zahlreiche deutsche und internationale Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem eine zweiwöchentliche Kolumne für das ukrainische Magazin Український Тиждень (Ukrainische Woche; tyzhden.ua).

6 Kommentare

  • Faszinierender Befund, danke. Kann es aber sein, dass die Schmeicheleien, die Elogen gegenüber Gorbatschov seinerzeit nur taktischer Natur waren, sich im Laufe von dreißig Jahren als politisches und medial gefälliges Narrativ verselbstständigten und nun als bewußtloser Mythos tradiert werden?

  • Gorbatschow wollte das System Sowjetunion reformieren.. Dafür wurde er gewählt. Es ließ sich nicht reformieren. Er scheiterte. In diesem Scheitern zeigte er jedoch Größe indem er nicht mit Gewalt aufrechtzuerhalten versuchte, was nicht mehr lebensfähig war. Er beugte sich dem Lauf der Geschichte. Er erkannte, dass deren Verlauf nicht jenem entsprach, den diese nach marxistisch-leninistischer Doktrin nehmen hätte sollen.
    Das System der SU war im Kern verfault. Korruption beherrschte das System. Als er der Korruption an den Kragen wollte, klappte der Staat in sich zusammen.

    • Gorbatschow wurde nicht gewählt, sondern vom Politbüro der KPdSU in sein Amt eingesetzt. Auch unter seiner Herrschsft galt weiterhin das Machtmonopol der Partei. In den osteuropäischen Satellitenstaaten verzichtete er auf den Einsatz von Gewalt, nicht aber in den baltischen Sowjetrepubliken, denn das Auseinanderfallen der Sowjetunion wollte er unter allen Umständen verhindern. Dass er in der UdSSR Freiheiten gewährte und zuließ, die schließlich das System zum Einsturz brachten, ist indes unbestritten. Mir geht es in meinem Text aber nicht so sehr um eine Bewertung Gorbatschows als vielmehr um den deutschen verklärenden „Gorbi“-Kult und seine fatalen Folgen.

      • Es ist ricthig, dass Gorbatschow nicht gewählt wurde. Es herrschte ja eine Einparteiendiktatur. Richtig ist aber auch, dass das Politbüro einen anderen „wählen“ hätte können. Man entschied sich für Gorbatschow. Er sollte und wollte reformieren. Das misslang.
        Man hätte ihn auch absetzen können, so wie seinerzeit Chruschtschow.. Das tat man nicht. Hier ist der Unterschied zu Putin. Den kann man nicht einmal mit Hilfe des Inneren Zirkels absetzen. Er vereint heute eine Machtfülle auf sich, wie zuletzt Stalin.

        • Na ja, „wählen“ ist schon ein recht euphemistischer Ausdruck für den Vorgang der Ernennung eines Generalsekretärs durch das Politbüro der KPdSU. Wen dieses da zu ernannen hatte, war schon zuvor durch die Machtverhältnisse im Apparat festgelegt. Und in diesem Fall war die bestimmenende Macht der KGB, von dem (namentlich von dessen Chef Andropow) Gorbatschow über Jahre hinweg als kommender Partei-und Staatschef aufgebaut worden war.Einen anderen Kandidaten „wählen“ konnten die Politbüro-Bonzen nicht, denn es gab keinen.

  • Stimme vollkommen zu in Kenntnis des ´Blut-Sonntags´ in Litauen. Nur bei der Deutschen Wieder-Vereinigung brachte Gorbatschow Verständnis auf. Putin hat NICHTS von dieser Fähigkeit, Andere zu verstehen, er ist ego-zentrisch, kann immer nur an sich selbst denken. Hoffnungen auf das Auf-Tauchen von Russen wie Gorbatschow nach Putins Ende sind Illusionen.

Richard Herzinger

Dr. Richard Herzinger, geboren 1955 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Publizist in Berlin. Als Autor, Redakteur und politischer Korrespondent war er für "Die Zeit", den Berliner "Tagesspiegel", die Züricher "Weltwoche" und zuletzt fast 15 Jahre lang für "Die Welt" und "Welt am Sonntag" tätig. Bereits vor 25 Jahren warnte er in seinem gemeinsam mit Hannes Stein verfassten Buch "Endzeitpropheten oder die Offensive der Antiwestler" vor dem Wiederaufstieg autoritärer und totalitärer Mächte und Ideologien. Er schreibt für zahlreiche deutsche und internationale Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem eine zweiwöchentliche Kolumne für das ukrainische Magazin Український Тиждень (Ukrainische Woche; tyzhden.ua).

Schreiben Sie mir

Sie können mich problemlos auf allen gängigen Social-Media-Plattformen erreichen. Folgen Sie mir und verpassen Sie keinen Beitrag.

Kontakt