Vom Ende der Sowjetunion zur Mutation des Kommunismus

Langer Schatten des Kommunismus: Fast punktgenau zum 30. Jahrestag des Endes der Sowjetunion hat das Putin-Regime die Menschenrechtsorganisation Memorial unter anderem mit der Begründung verboten, diese stelle mit ihrer Arbeit die Sowjetunion als „Terrorstaat“ dar und verbreite damit Lügen über sie. Die Auflösung des Memorial-Netzwerks, das sich um die Aufarbeitung der totalitären sowjetischen Vergangenheit unschätzbare Verdienste erworben hat, markiert einen weiteren gravierenden Schritt auf dem Weg der Reinstallation einer offenen Diktatur in Russland und der Gleichschaltung der russischen Gesellschaft.

Dass Putin die Wiederrichtung der Sowjetunion nach innen wie nach außen unter Verzicht auf ihre vermeintlich „wissenschaftliche“, marxistisch-leninistische Scheinbegründung betreiben kann, zeigt, dass die ideologischen Legitimationsfiguren des Kommunismus letztlich austauschbar sind und sein eigentlicher Kern in seiner ebenso brutalen wie ausgefeilten Herrschaftstechnik liegt.

In der Volksrepublik China dagegen erfährt die kommunistische Herrschaft in unverändert er Form neuen Auftrieb: Unter Xi Jinping setzt das Regime unter ausdrücklicher Berufung auf die marxistisch-leninistische Ideologie und ihres weltrevolutionären Impetus zum globalen Export seines Herrschaftssystems an – und kann sich dabei auf eine enorme Wirtschaftskraft stützen, von der seine maoistischen Vorgänger nur träumen konnten.

Aus Anlass der Einnerung an das (vorläufige) Verschwinden der Sowjetunion zum Jahresende 1991 hier noch einmal – in leicht überarbeiteteter Form – meine Rezension des Buches „Die Farbe Rot. Ursprünge und Geschichte des Kommunismus“ des Historikers Gerd Koenen, die 2017 in der „Welt“ erschienen ist. Koenen hat in seinem Buch die Frage aufgeworfen, ob sich der vermeintlich historisch überwundene Kommunismus in Wahrheit nicht in einer Phase der Mutation befinde, um in veränderter Gestalt mit umso größerer Wucht zurückzukehren. Es ist eine Frage, die seitdem weiter an Dringlichkeit gewonnen hat.

Aus dem Abstand von drei Jahrzehnten, wirkt das fast wie ein historischer Spuk: Innerhalb von siebzig Jahren verbreitete sich der Kommunismus, ausgehend vom „Urknall“ der russischen Oktoberrevolution (die in Wahrheit der Putsch einer straff organisierten bewaffneten Minderheit war) über den Erdball, bis ein Drittel der Menschheit unter seiner Herrschaft stand – um dann binnenn weniger Jahre in sich zusammenzustürzen und bis auf wenige Restbeständen von der welthistorischen Bühne zu verschwinden.

Unheimliches Erfolgsgeheimnis


Doch ist der Kommunismus tatsächlich tot? Ist seine fortgesetzte Präsenz nur Nachhall der Vergangenheit oder lebt er in transformierter Gestalt erfolgreich weiter? Und war er denn aus dem geschichtlichen Nichts über den Globus gekommen? Was war sein geradezu unheimliches Erfolgsgeheimnis und was der Grund für sein so rasches, klägliches Ende?Solche Fragen beschäftigen in erster Linie die Nationen, die noch immer unmittelbar unter den Folgewirkungen seines zerstörerischen Regiments zu leiden haben. Sie lassen aber auch viele westliche Intellektuelle nicht los, die irgendwann einmal direkt oder indirekt der kommunistischen Ideologie verfallen waren.

Einer von ihnen ist der Historiker Gerd Koenen, der in den 1970er Jahren führender Funktionär des marxistisch-leninistisch-maoistischen „Kommunistischen Bund Westdeutschlands“ war. Zu seinem Glück – so sieht es Koenen heute selbst – blieb das Treiben dieser und anderer westdeutscher kommunistischer Sekten, die von der offiziellen Moskauer Linie abwichen, sich dafür aber umso begeisterter der des chineschen Regimes unterordneten, weitgehend bedeutungs- und folgenlos. Doch sitzt bei manchem Akteur von damals das Erschrecken tief darüber, sich einst in fanatischer Weise einer Art politischer Ersatzreligion verschrieben zu haben, unter deren blendendem Schein man auch damals schon die massenmörderische Unterdrückungsmaschinerie hätte erkennen können, die der Kommunismus in all seinen ideologischen Spielarten tatsächlich war. Koenen hat das an einen Punkt gebracht, an dem er, frei nach einem Romantitel Herta Müllers, feststellen musste: „Gestern wäre ich mir lieber nicht begegnet.“

Koenens voluminöse, über 1000 Seiten starke „Geschichte des Kommunismus“ hat so untergründig auch die Funktion einer Selbsterforschung. Wer einmal am eigenen Leib die Anziehungskraft der kommunistischen Welterlösungsbotschaft verspürt hat, gibt sich nicht so leicht mit gängigen Floskeln wie der zufrieden, der Kommunismus habe „gegen die menschliche Natur“ gearbeitet und sei daran zugrunde gegangen. „In Wirklichkeit“, schreibt Koenen, „konnte er als Macht- und Sozialformation an einer Vielzahl höherer und niederer Instinkte, Affekte, Wünsche, Emotionen, Traditionen, Riten, Weltvorstellungen anknüpfen.“ Was ihn erfolgreicher machte als alle konkurrierenden Ideologien des 20. Jahrhunderts war wohl sein Versprechen, „eine sozialhistorische Mutation zu vollbringen, aus der eine höhere Menschheitsgattung hervorgehen würde“ – von „alten Erbübeln“ befreit.

Kommunistische Mythologie


Wir haben es bei der kommunistischen Ideologie auf den ersten Blick also mit einem pervertierten, auf eine lichte Zukunft gerichteten Superuniversalismus zu tun. Doch weit mehr noch als „alle blassen utopischen Zukunftsprospekte“, bemerkt Koenen, wirkte in ihm „das Bedürfnis, sich eine Vorgeschichte auf den Leib zu schreiben und eine Tradition zu erfinden, in der man zu Hause sein würde.“ Weniger die Verheißung einer idealen Zukunft als die der Erlösung von den Sünden der Vergangenheit, weniger der Anspruch, die Weltgeschichte im Modus einer Fortschrittseuphorie zu vollenden als der Impetus, sie im Namen einer befreiten Vorgeschichte von den Zumutungen der Moderne zu befreien, charakterisiert die Strahlkraft des Kommunismus. Weit mehr als auf eine von ihm reklamierte „Wissenschaftlichkeit“ gründete der Kommunismus auf Mythologie. Und tatsächlich sind es die mythologischen Ableitungen, die sein materielles Verschwinden überlebt haben. Nicht nur in den Köpfen von Apologeten und Nostalgikern des roten Zeitalters sitzt bis heute die Vorstellung fest, der Kommunismus sei der logische, wenn auch fehlgeleitete Erbe aller egalitären und emanzipatorischen Bestrebungen in der Menschheitsgeschichte gewesen.

Doch ein genauerer Blick auf jene historischen Persönlichkeiten und Bewegungen, die das kommunistische Narrativ als ihre Vorläufer vereinnahmt hat, zeigt, wie sehr dafür die historische Realität verfälscht oder verklärt werden musste. Ein prägnantes Beispiel bietet diesbezüglich der protestantische Reformator Thomas Müntzer, der chiliastische-sozialrevolutionäre Gegenspieler Martin Luthers und Anführer des deutschen Bauernaufstands im frühen 16. Jahrhundert. Vom frühen Karl Marx bis hin zum Kommunismusromantiker Ernst Bloch wurde Müntzer zu einem Frühkommunisten stilisiert, der unter dem von ihm gepredigten „Reich Gottes“ nichts anderes verstanden habe als – so Friedrich Engels – „einen Gesellschaftszustand, in dem keine Klassenunterschiede, kein Privateigentum und keine den Gesellschaftsmitgliedern gegenüber selbstständige, fremde Staatsgewalt mehr bestehen.“ Koenen zeigt dagegen, wie wenig dieses Bild tatsächlich mit dem Apokalyptiker Müntzer zu tun hat.

Diesem schwebte vielmehr ein Gottesstaat vor, in dem die Obrigkeit alleine den unverfälschten Geboten des Herrn und keinen weltlichen materiellen Bedürfnissen und Gesetzen verpflichtet sein dürfe. Für dieses höhere Ziel hatte er kein Problem damit, die rebellierenden Bauern in aussichtslose Schlachten zu treiben und ihr Scheitern lakonisch damit zu erklären, dass sie, wie Koenen formuliert, „eben nur ihre eigenen Zwecke verfolgt“ hätten, „statt für ein wahres Reich der ‚Gottesfreude‘ zu kämpfen“.

Utopie und Antisemitismus

Generell überwog in den vom Kommunismus beanspruchten Traditionen das regressive, auf die harmonisierende Aufhebung des modernen Wildwuchses zielende Element. Koenen erklärt das anhand älterer egalitärer Utopien wie denen von Campanella und Thomas Morus, deren fiktive Idealstaaten auf der Stillstellung von Entwicklung und Abschottung von der Außenwelt gründeten, aber auch im Blick auf die utopischen Entwürfe von Frühsozialisten wie Charles Fourier und Pierre-Joseph Proudhon, deren zivilisationskritischer Antikapitalismus wie selbstverständlich mit einem Antisemitismus einherging.

Um den Kommunismus kritisch in seiner Vorgeschichte zu verorten, blickt Koenen aber noch viel weiter zurück, bis zu den Vergemeinschaftungsformen der Urhorden und Stämme. Seine Kommunismusgeschichte ist ihm so fast zu einer Universalgeschichte der Menschheit unter dem Aspekt kommunitaristischer Strukturen und Bestrebungen – und damit tendenziell ins Uferlose geraten. Sie gleicht eher einem überdimensionierten, geistesgeschichtlich interpretierenden Essay als einer stringenten historischen Ereigniserzählung. Doch wer sich durch sie hindurchzuarbeiten bereit ist, stößt auf eine reiche Fundgrube von Beobachtungen und Fragestellungen, die dazu anregen, die Natur des Kommunismus von Grund auf neu zu überdenken. Wie etwa kommt es, dass eine Ideologie, die sich im Einklang mit einer objektiven geschichtlichen Bewegungen wähnte, zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft einen nie da gewesenen Personen- und Führerkult und somit einen beispiellosen Subjektivismus und Voluntarismus entwickelte?

Und hat sich unter dem Deckmantel starrer zentralistischer Planwirtschaft nicht in Wirklichkeit eine regellos-chaotische, in vorstaatliche Wirtschaftsformen regredierende Tausch- und Naturalienökonomie herausgebildet, deren Realität allen Prämissen der offiziellen Doktrin diametral entgegenlief? Von einer abschließenden Antwort auf die Frage, was der Kommunismus war und was sein Scheitern bewirkt hat, ist auch Koenen weit entfernt. Beunruhigend ist indes die von ihm aufgeworfene Frage, ob dessen Geschichte tatsächlich abgeschlossen sei oder er sich nur in einer Art Phase der Mutation befinde. In der Volksrepublik China etwa sind die Strukturen der kommunistischen Herrschaft intakt, aber kombiniert mit einem schwindelerregend dynamischen, staatlich beaufsichtigten Turbokapitalismus.

Angesichts der wachsenden krisenhaften Erscheinungen in den westlichen Demokratien und ihrem liberalen Kapitalismus könnte sich dieses autoritäre Hybridmodell als eine ernst zu nehmende Zukunftsalternative herausschälen. Wir tun daher gut daran, in der Erforschung der verborgenen Aporien und Potenziale des Kommunismus nicht nachzulassen – auf dass sie uns nicht einmal mehr überwältigen können.

Über den Autor

Richard Herzinger

Dr. Richard Herzinger, geboren 1955 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Publizist in Berlin. Als Autor, Redakteur und politischer Korrespondent war er für "Die Zeit", den Berliner "Tagesspiegel", die Züricher "Weltwoche" und zuletzt fast 15 Jahre lang für "Die Welt" und "Welt am Sonntag" tätig. Bereits vor 25 Jahren warnte er in seinem gemeinsam mit Hannes Stein verfassten Buch "Endzeitpropheten oder die Offensive der Antiwestler" vor dem Wiederaufstieg autoritärer und totalitärer Mächte und Ideologien. Er schreibt für zahlreiche deutsche und internationale Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem eine zweiwöchentliche Kolumne für das ukrainische Magazin Український Тиждень (Ukrainische Woche; tyzhden.ua).

von Richard Herzinger

Richard Herzinger

Dr. Richard Herzinger, geboren 1955 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Publizist in Berlin. Als Autor, Redakteur und politischer Korrespondent war er für "Die Zeit", den Berliner "Tagesspiegel", die Züricher "Weltwoche" und zuletzt fast 15 Jahre lang für "Die Welt" und "Welt am Sonntag" tätig. Bereits vor 25 Jahren warnte er in seinem gemeinsam mit Hannes Stein verfassten Buch "Endzeitpropheten oder die Offensive der Antiwestler" vor dem Wiederaufstieg autoritärer und totalitärer Mächte und Ideologien. Er schreibt für zahlreiche deutsche und internationale Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem eine zweiwöchentliche Kolumne für das ukrainische Magazin Український Тиждень (Ukrainische Woche; tyzhden.ua).

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