Der Mann, der den Faschismus erfand – und sein untotes Erbe

Mit dem Tod Benito Mussolinis vor 75 Jahren verschwand auch der von ihm geschaffene Faschismus. Doch der Begriff hat überlebt und wird heute exzessiv als Kampfvokabel benutzt. Seit der Kreml ihn einsetzt, um militärische Aggression zu rechtfertigen, hat er sogar erneut weltpolitische Brisanz gewonnen. Das Putin-Regime illustriert dabei aber auch, wie sinnentleert und beliebig der Faschismusvorwurf inzwischen geworden ist. Unterstützt es doch gleichzeitig rechtsextreme Parteien in Europa, um die liberale Demokratie zu zerstören.

Der “Antifaschismus” der Linken hat die Inflationierung des Faschismusbegriffs betrieben, indem sie ihn auf alle möglichen Kräfte ausgeweitet hat, die der sozialistischen Heilsbotschaft widerstreben. Dabei wird in Kauf genommen, dass die Subsumierung auch des Nationalsozialismus unter die Sammelbezeichnung “Faschismus” dessen einzigartige verbrecherische Dimension relativiert. Noch immer wirkt die Definition der Komintern von 1935 nach, die den Faschismus das Instrument “der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals” nannte. Auf dieser Basis klebten die Kommunisten das Etikett nach 1945 dem demokratisch-kapitalistischen Westen an – was etwa in der Bezeichnung “antifaschistischer Schutzwall” für die Berliner Mauer zum Ausdruck kam.

Dabei geriet in Vergessenheit, in welchem Maße der Faschismus ein willkürliches, ganz auf die Person seines Erfinders zugeschnittenes Konstrukt war. Als er im Verlauf des Ersten Weltkriegs mit der Sozialistischen Partei brach, deren radikalem Flügel er lange Zeit an führender Stelle angehört hatte, wusste Mussolini zuerst nicht, unter welcher ideologischen Fahne er seinen grenzenlosen Machthunger stillen sollte. Das faschistische Gedankengebäude baute er dann in kürzester Zeit, zwischen 1919 und 1921, zusammen, um sich eine Mobilisierungsbasis für seinen persönlichen Aufstieg zu verschaffen. Auch nach seiner Abkehr vom Marxismus schwankte er noch zwischen radikalrevolutionären und ultranationalistischen Begründungen seiner Kriegslüsternheit und seines imperialen Größenwahns hin und her. Inspiriert wurde er von den Ideen des französischen Sozialphilosophen Georges Sorel, der den revolutionären Syndikalismus in Frankreich und Italien stark beeinflusste. Für Sorel war das Bürgertum der “Dekadenz” verfallen, und nur noch das Proletariat könne die Menschheit vor ihr bewahren. Dazu müsse es aber mittels apokalyptisch zugespitzterMythen” zu äußerster Kampf- und Gewaltbereitschaft angestachelt werden.

Am Ende des Ersten Weltkriegs hatte Mussolini den Glauben daran verloren, das Proletariat sei zum Träger eines solchen Endkampfs auserwählt. 1919 sammelte er einen Haufen von rund einhundert Aktivisten um sich, der aus ehemaligen radikalen Linken, sozial entwurzelten Studenten, Journalisten und avantgardistische Künstlern sowie demobilisierten Offizieren und Unteroffizieren zusammengewürfelt war, die nach dem Krieg nicht mehr ins zivile Leben zurückfanden. Zu einer schnell wachsenden Kraft wurden diese Außenseiter erst, als sie mit maßloser Gewalt vor allem über Sozialisten und Gewerkschafter herfielen und dafür von Großindustriellen und Großgrundbesitzern finanziert wurden. Doch obwohl sie sich so als Werkzeug der Konterrevolution betätigten, behielten sie eine antibürgerliche, egalitäre Attitüde bei.

Mussolinis Werdegang macht deutlich, dass sich die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts nicht säuberlich in links und rechts teilen lassen. Die Vision, einen neuen Menschen in einer von bürgerlicher Weichlichkeit gesäuberten, aktivistisch gestählten und gleichgeschalteten Gesellschaft zu erschaffen, war das Bindeglied, das seine linksrevolutionäre Periode mit der als faschistischer “Duce” verband – und sie ähnelt verblüffend der des Bolschewismus. Kurz vor dem Untergang wurde diese Affinität noch einmal deutlich, als Mussolini Hitler drängte, einen Separatfrieden mit der Sowjetunion gegen den verhassten Westen zu schließen.

Entgegen verharmlosender Legenden war Mussolini ein fanatischer Rassist und Antisemit, der an die Überlegenheit der “arischen Rasse” glaubte. Seinem Faschismus fehlte jedoch die mörderische bürokratische Effizienz, mit der das NS-Regime die Judenvernichtung betrieb und Ausrottungskriege führte. Mussolinis meist erfolglosen Feldzüge in Nordafrika, Griechenland und auf dem Balkan waren jedoch von äußerster Brutalität, bis hin zur Massenvernichtung durch Giftgas gekennzeichnet. Obwohl er der Urheber der Idee war, die Willkürherrschaft eines Einzelnen auf einen mystischen Führerkult und die Alleinherrschaft einer Partei zu gründen, die einer von ihm allein festgelegten Weltanschauung folgt, blieb Mussolinis Faschismus letztlich isoliert. Ähnlichkeiten mit seiner Herrschaftsmethode fand man später aber bei so unterschiedlichen Regimes wie dem Peróns in Argentinien, Castros in Kuba, Saddams im Irak und der Assads in Syrien.

Wie aktuell ist Mussolini? Trotz ihrer Krisenerscheinungen sind die westlichen Demokratien heute ungleich stabiler, als dies nach dem Ersten Weltkrieg der Fall war. Dennoch ist äußerste Wachsamkeit geboten. Mussolinis Durchmarsch zur Macht wäre nicht möglich gewesen ohne die Schwäche und Desorientierung des liberalen Bürgertums. Teils wichen die Eliten vor Mussolinis Gewaltdrohungen angstvoll zurück, teils versuchten sie sich – aus Furcht vor der roten Revolution – mit ihm zu arrangieren. So kungelte er sich an die Regierung und errichtete ab 1922 schrittweise seine Tyrannei.

Die westlichen Demokratien verkannten lange das destruktive Potenzial des italienischen Faschismus und umwarben ihn sogar, bis er endgültig ins Schlepptau des ungleich mächtigeren NS-Deutschland geriet. Auch heute tendiert der Westen dazu, die Absichtserklärungen autoritärer Führer zu überhören oder nicht ernst zu nehmen. Putins Amalgam aus Sowjetautoritarismus und großrussisch-völkischem Nationalismus etwa zeigt aber, wie auch heute neuartige ideologische Konstrukte entstehen und ihre verhängnisvolle Wirkung entfalten können.

Zuerst erschienen auf ukrainisch in Український Тиждень (Ukrainische Woche; tyzhden.ua) und auf deutsch in der Reihe “Intervention” des Online-Kulturmagazins “Perlentaucher”.

Über den Autor

Richard Herzinger
Richard Herzinger

Dr. Richard Herzinger, geboren 1955 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Publizist in Berlin. Als Autor, Redakteur und politischer Korrespondent war er für "Die Zeit", den Berliner "Tagesspiegel", die Züricher "Weltwoche" und zuletzt fast 15 Jahre lang für "Die Welt" und "Welt am Sonntag" tätig. Bereits vor 25 Jahren warnte er in seinem gemeinsam mit Hannes Stein verfassten Buch "Endzeitpropheten oder die Offensive der Antiwestler" vor dem Wiederaufstieg autoritärer und totalitärer Mächte und Ideologien. Er schreibt für zahlreiche deutsche und internationale Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem eine zweiwöchentliche Kolumne für das ukrainische Magazin Український Тиждень (Ukrainische Woche; tyzhden.ua).

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Dr. Richard Herzinger, geboren 1955 in Frankfurt am Main, lebt und arbeitet als Publizist in Berlin. Als Autor, Redakteur und politischer Korrespondent war er für "Die Zeit", den Berliner "Tagesspiegel", die Züricher "Weltwoche" und zuletzt fast 15 Jahre lang für "Die Welt" und "Welt am Sonntag" tätig. Bereits vor 25 Jahren warnte er in seinem gemeinsam mit Hannes Stein verfassten Buch "Endzeitpropheten oder die Offensive der Antiwestler" vor dem Wiederaufstieg autoritärer und totalitärer Mächte und Ideologien. Er schreibt für zahlreiche deutsche und internationale Zeitungen und Zeitschriften, unter anderem eine zweiwöchentliche Kolumne für das ukrainische Magazin Український Тиждень (Ukrainische Woche; tyzhden.ua).

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